E-Residency Estland – Vorteile und Nachteile einer Firmengründung

Firmengründungen und E-Residency Estland sind im Moment sehr beliebt, deshalb schreibe ich mal einen Guide mit meinen eigenen Erfahrungen. Da wir als FTCircle selber eine OÜ sind habe ich das aus unserer Sicht geschrieben. OÜ ist vergleichbar mit der deutschen GmbH.

Wer Fragen zu diesem Thema hat findet auch Antworten in unserer Facebook Gruppe.

  1. Was ist die E-Residency Estland?
  2. Was ist eine OÜ?
  3. Wie ist die Rechtslage in Estland?
  4. Wie ist die Rechtslage in Deutschland?
  5. Vorteile
  6. Nachteile

1. Was ist die E-Residency Estland??

Die E-Residency is eine von der estnischen Regierung ausgestellte digitale Identität, welche die Freiheit gibt eine globale EU-registriete Firma von überall in der Welt digital zu betreiben.

Die E-Residency ist keine klassische Staatsbürgerschaft mit ihren Rechten und Pflichten. Es erwächst aus ihr z.B. auch keine Aufenthaltserlaubnis im Schengenraum. Die E-Redency Estland ist ein digitale und virtuelle Niederlassung in Estland, welches dem Nutzer erlaubt am estnischen öffentlich-rechtlichen, also staatlichen Dienstleistungen, teilzunehmen. Die häufigste Form der Nutzung ist die Registrierung von Firmen online. Und natürlich konsequenterweise die Erstellung und Verwaltung von notwendigen Dokumenten, Verträgen, Steuererklärungen und Jahresabschluss.

Jeder mit Mindestalter von 18 Jahren und ohne Vorstrafen kann die E-Residency Estland natürlich online beantragen. Die Kosten belaufen sich auf 100 Euro. Des Weiteren muss ein Passfoto, eine Ausweiskopie und eine Begründung warum man die E-Residency haben möchte erfolgen. Nach Zahlung erfolgt eine polizeilichen Überprüfung. Wenn diese Überprüfung positiv erfolgt ist, kann man die Karte bei einer der estnischen Botschaften oder z.B. in Tallinn bei der Politsei- ja Piirivaleamet, also der Polizei und Grenzpolizei Administration, abholen. In Deutschland bietet sich die Abholung bei der estnischen Botschaft in Berlin oder für Österreicher in der Wiener Botschaft an. In der Schweiz gibt es leider keine. Der Vorgang dauert ca. 6 -bis 8 Wochen von Anmeldung bis zum Erhalt der physikalischen Karte im E-Resindency Kit.

Wichtig: Die Abholung muss innerhalb von 6 Monaten und persönlich erfolgen.

Bei der Abholung werden die Fingerabdrücke genommen und die Ausweisdokumente nochmal verglichen.


2. Was ist eine OÜ?

Eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, also vergleichbar mit einer deutschen GmbH. Das Firmen Kapital kann in verschieden grosse Anteile geteilt werden. Eine OÜ haftet mit all Ihren Vermögenswerten, aber der oder die Anteilseigner haften nicht mit persönlichem Vermögen für Verpflichtungen der OÜ. Der mindest Wert einer Aktie bzw. eines Anteils ist 1 Euro und das Stammkapital muss mindesten 2500 Euro betragen.  Wenn die Gründer natürliche Personen sind und das Kapital weniger als 25.000 Euro beträgt, dann können diese frei entscheiden ob sie das Eigenkapital bei Gründung einzahlen wollen, oder nicht.

Bis diese Summe eingezahlt worden ist, haften alle Gründer gesamtschuldnerisch bis das gesamte Stammkapital eingezahlt wurde. Die OÜ muss einen Vorstand haben, also eine Management Ebene welche die Firma dirigiert und nach aussen hin vertritt. Der Vorstand muss mindestens ein Mitglied haben oder mehr. Die Mitglieder des Vorstands müssen natürliche Personen sein mit aktiver juristischer Rolle, aber ohne Zwang Anteile and er Firma zu halten.

Wenn mehr als die Hälfte der Vorstandsmitglieder nicht in Estland wohnhaft sind, dann muss dem Firmenregister eine Kontaktperson und Anschrift in Estland mitgeteilt werden, damit die nötigen Unterlagen zugeschickt werden können. Die ausländischen Eigentümer müssen dem Firmenregister ihre Anschrift und vor allem auch Ihre E-Mail mitteilen. Es ist nicht gesetzlich vorgeschrieben einen Aufsichtsrat zu haben, aber wenn es in dem Gesellschafter Vertrag festgelegt wurde, dann muss dieser auch eingesetzt werden. Ein Wirtschaftsprüfer kann per Gesellschaftervertrag ebenfalls festgelegt werden, aber bei gewissen Schwellen von Umsatz, Anzahl von Mitarbeitern und Firmeneigentum ist dieser gesetzlich vorgeschrieben.

3. Wie ist die Rechtslage in Estland?

Die E-Residency verursacht auch erstmal keine steuerliche  Verpflichtungen in Estland. Das ändert sich natürlich bei einer Firmengründung. Die 20% Körperschaftssteuer fällt erst bei Auszahlung einer Dividende an. Bald mehr dazu.

4. Wie ist die Rechtslage in Deutschland?

Es besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland, da es keine Steueroase im klassischen Sinne ist. Die E-Residency verursacht auch erstmal keine steuerliche  Verpflichtungen in Estland. Es bleibt also die Steuerpflicht in Deutschland bestehen, wenn man seinen Wohnsitz nicht aus Deutschland herausholen möchte. Sollte jeder Aufwand in Deutschland vermieden werden, dann kommt nur eine unselbstständige Niederlassung in Betracht. D.h. es darf keine eigenständige Firmierung in Deutschland geführt werden. Es dürfen auch nur Hilfsarbeiten oder Vorbereitungsarbeiten vorgenommen werden. Insbesondere darf es keinen Niederlassungsleiter und oder Kapital in Deutschland geben. Alle Hauptarbeiten müssen in Estland vorliegen, z.B. Buchhaltung, Geschäftsführer, Geschäftsgegenstand, Vertragsabschlüsse. Der Use Case wäre vergleichbar mit einer englischen Limited. Versandlager bei einem Dienstleister, also Logistikpartner sind keine Niederlassung.

Es muss nur eine Gewerbeanmeldung gemacht werden, aber keine weiteren Formalitäten. Je nach Stadt, fällt leider auch IHK an. Die deutsche Bürokratie kann man bei einer selbständigen Niederlassung leider nicht umgehen und erfordert das gesamte Programm mit Unternehmenssteuer, Gewerbesteuer, IHK Zwangsanmeldung und Handelsregistereintragung.

Ich habe mal die Vorteile und Nachteile der E-Residency Estland aufgelistet.

5. Vorteile:

  • geringe Kosten bei Gründung und im laufenden Geschäft
  • Stammkampital nur 2500 Euro oder mehr
  • Damit auch niedrige Haftung
  • einbehaltene Gewinne müssen nicht versteuert werden, ansonsten 20% bei Dividenden
  • steuerfreies Gehalt lässt sich innerhalb von Grenzen darstellen
  • Krankenversicherung auch bei niedrigem Gehalt
  • EU-VAT Nummer problemlos möglich
  • ideal zum Abrechnen von Coaching und Dienstleistungen wie Apps etc.
  • ideal auch als Zweit Unternehmen
  • Import-/Export Geschäfte sind leicht möglich
  • Estland gilt als Vorreiter bei neuen Technologien. siehe z.B. Skype oder pipedrive
  • billige Geschäftskonten in einem EU Land
  • einfache Verwaltung, da alles online:
    • Firmengründung und Verwaltung online
    • Online banking problemlos
    • Zugang zu internationalen Zahlungsdienstyleistern
    • Digitale Signatur von Dokumenten (z.B. Verträge) innerhalb der Firma, als auch mit externen Partnern
    • Verifizierung von digital signierten Dokumenten
    • sichere Verschlüsselung und versenden von Dokumenten
    • Steuererklärung 100% online
  • extrem schnelle Gründung
  • Anmeldung von Marken und Gebrauchsmustern gültig in ganz Europa
  • ideales Vehikel für langfristige Investments, Immobilien und privater Vorsorge

6. Nachteile:

  • Kapitalgesellschaften mit geringerem Aufwand und geringerer Kapitaleinlage sind auch in Deutschland möglich
  • Die Eröffnung von Bankkonten in Deutschland erfordern aufwendige, amtlich beglaubigte Übersetzungen der Gründungsdokumente
  • Nur der Betrieb einer unselbständigen Niederlassung in Deutschland erspart wirklich den typisch deutschen Bürokratie-Wahnsinn, sobald das Finanzamt die unselbstständigkeit der Niederlassung bezweifelt, oder aus organisatorischen Gründen nur eine selbsständige Niederlassung möglich ist, sind die viele Vorteile hinfällig